Zocken statt Sozialismus
Genre: News/Info
Sender: MDR
Sendezeit: 07.02.2012 22:05h
Zocken in der DDR - gab es so etwas überhaupt im Arbeiter- und Bauernstaat, in dem jeder das Recht auf Arbeit und damit auch gleichzeitig die Pflicht zur Arbeit hatte? Und wie! Der Film schlägt ein besonders skurriles Geschichtskapitel auf und erzählt von einem der wohl größten Irrtümer der SED-Führung und den unmittelbaren Auswirkungen. Anfang der 1970er-Jahre begann alles recht harmlos an den Pferderennbahnen. Christian Kaisan kann sich noch gut erinnern, wie es am Ende eines Renntages auf dem Platz vor dem Leipziger Scheibenholz aussah: "Hier standen mindestens 20 Campingtische, um jeden eine Menschentraube rum. Dort waren Leute zugange mit einem Knödel Geld in der Hand und Würfelbecher. Da habe ich mir gedacht: 'Das kann doch eigentlich gar nicht sein.' Dann habe ich mich erkundigt und erfahren, dass Glücksspiel in der DDR nicht mehr verboten ist." Auch Werner Pinkert bemerkte das Treiben und ist bis heute fassungslos, dass ihm und seinen Kollegen von der Volkspolizei damals die Hände gebunden waren, um gegen die Würfelpartien wirksam vorzugehen. Der DDR-Führung war beim Vorhaben, die entwickelte sozialistische Gesellschaft zu schaffen, ein großer Fehler unterlaufen, gespeist aus der eigenen Utopie, dass im Sozialismus die Kriminalität verschwinden wird. "Das war so ein kapitaler Irrtum. An diese Fata Morgana haben wir geglaubt", sagt der ehemalige Sprecher des DDR-Generalstaatsanwalts Peter Przybylski. Im Dezember 1968 verabschiedete die Volkskammer das neue DDR-Strafgesetzbuch, in dem privates Glücksspiel nicht mehr explizit verboten war. Die Lücke im Gesetz sprach sich schnell herum und an den Pferderennbahnen begannen findige Zocker ihren DDR-Mitbürgern das Geld mit Würfelspielen aus der Tasche zu ziehen. In Leipzig versuchte man das Treiben schließlich mit einer großangelegten Razzia und hohen Ordnungsstrafen in den Griff zu bekommen. "Wir haben damals gesagt: Jetzt haben wir endlich Ruhe. Zu einem späteren Zeitpunkt hab ich erfahren, dass die Aktion nur bewirkt hat, dass sich die Spieler in Gaststätten und Wohnungen zurückgezogen haben", so Pinkert. Dort ging es dann richtig los. Roulette, Poker, "Goldene Sechs" und "Tante" hießen die Spiele. Zwischen Leipzig, Berlin und Dresden wurden sogar Städtewettkämpfe organisiert, quasi als sozialistischer Wettbewerb unter den besten Zockern. "Das war wie ein kleiner Klassenkampf. Da wurde richtig der letzte Rest Taschengeld herausgeholt", erinnert sich ein Teilnehmer. Mehrere zehntausend Mark wechselten nicht selten an einem Abend den Besitzer. Die Stasi begann die Szene zu observieren und stellte fest, dass sich bei einigen ein für DDR-Verhältnisse immenses Vermögen angehäuft hatte. Ende der 70er-/Anfang der 80er-Jahre wurde das private Glückspiel mehr und mehr zum gesellschaftlichen Problem - unvereinbar mit der propagierten sozialistischen Moral. Den Spielern ging es an den Kragen. Der Film zeigt die DDR von einer Seite, die bislang noch nie beleuchtet wurde. Offen erzählen Spieler, Polizisten und Staatsanwälte, was damals passierte. Eine spannende, fast unglaubliche Story - Zocken statt Sozialismus.
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